Weit weg vom Kaffeeautomaten in Redmond

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Der Aufbau des Microsoft Development Center in Serbien ist eine der grossen IT-Erfolgsstorys des Landes.

Verfasser des Textes: Matthias Niklowitz

Microsoft etablierte seine Präsenz in Serbien 2003 zunächst mit einer kleinen, auf das Land ausgerichteten Vertriebs- und Marketingabteilung. Der eigentliche Meilenstein für die technologische Entwicklung erfolgte zwei Jahre später mit der Gründung des Microsoft Development Center Serbia (MDCS). Es startete als kleines Start-up mit acht Ingenieuren und war das erste Entwicklungszentrum von Microsoft in dieser Region. Verantwortlich für den Aufbau war Bodin Dresevic, ein Microsoft-Ingenieur aus Serbien, der bereits zuvor beim Softwareriesen in den USA gearbeitet hatte.

Ganz andere Pläne

«2004 war ich Entwicklungsleiter bei Microsoft in der Zentrale in Redmond, Washington, und hatte zu diesem Zeitpunkt bereits 15 Jahre im Unternehmen verbracht», erinnert sich Dresevic. Vor seiner Zeit bei Microsoft promovierte er in theoretischer Physik an der University of Washington in Seattle. «Ich habe 1989 als Softwaredesign-Ingenieur angefangen – ein schicker Titel für einen einzelnen Mitarbeiter –, später wurde ich First-Line-Manager, das heisst Entwicklungsleiter, und dann Second-Line-Manager beziehungsweise Entwicklungsmanager, wo ich Teams von zwanzig bis dreissig Ingenieuren leitete.» Zu dieser Zeit sehnte sich Dresevic nach neuen Lebenserfahrungen und Herausforderungen; die Sicherheit und die relative Bequemlichkeit des Jobs in einem grossen Unternehmen reichten ihm nicht mehr aus. «Deshalb traf ich die Entscheidung, Microsoft zu verlassen, mit meiner Familie zumindest für eine gewisse Zeit nach Serbien zurückzukehren und mich einer ganz anderen Karriere zu widmen: der Immobilienentwicklung», erklärt Dresevic.

Er beschloss, seine Absichten lange vor seinem geplanten Austrittsdatum im Herbst 2005 bekannt zu geben, damit die Mitarbeiter von Microsoft genügend Zeit für die Nachfolgeplanung hatten. «Also sprach ich im Januar 2005 mit meinem damaligen Vorgesetzten, Kurt Geisel, dem Entwicklungsleiter für Tablet-PCs, und erzählte ihm von meinen Plänen», erinnert sich Dresevic. «Kurt war überrascht und bat mich, es mir noch einmal zu überlegen. Er meinte, mein geplanter Karrierewechsel wäre eine kolossale Verschwendung von Talent, Wissen und Erfahrung, und schlug vor, dass ich, anstatt mich direkt in die Immobilienentwicklung zu stürzen, eine Fernarbeit für Microsoft als Einzelmitarbeiter in Betracht ziehen sollte. Vielleicht für ein Jahr, um herauszufinden, ob mir das Leben in Serbien gefällt, und um vielleicht in die USA zurückzukommen, falls es in Serbien für mich und meine Familie nicht klappen sollte.» Dresevic lehnte das rundweg ab, da er keine Lust hatte, als einziger Remote-Programmierer in Serbien zu arbeiten. «Kurt schlug dann vor, dass ich stattdessen vielleicht ein kleines Softwareentwicklungsteam in Serbien einstellen und mir ein paar anspruchsvolle Projekte aussuchen könnte, die nicht viel Unterstützung aus Redmond erfordern, und dass ich das Team ‹laufen lassen› sollte, das heisst sehen, wie schnell und wie weit sie kommen können», erinnert sich Dresevic. «So entstand die Idee eines Entwicklungszentrums in Serbien, und mein Wechsel in die Immobilienentwicklung verschob sich um ein paar Jahrzehnte.»

Bodin Drešević
Bodin Drešević

Entscheidende Überzeugungsarbeit

«Die Idee, ein Entwicklungszentrum in Serbien zu gründen, fand ich aus mehreren Gründen sofort attraktiv», erläutert Dresevic. «Ich wusste um die Stärke der technischen Talente in Serbien, und das zu einer Zeit, als Microsoft nicht mehr das einzige grosse Tech-Unternehmen im Raum Seattle war und der Wettbewerb um Tech-Talente immer härter wurde.»

Im Jahr 2004 hatte Microsoft noch nicht viele Entwicklungszentren. «Serbien hatte kaum Ähnlichkeiten mit den Forschungs- und Entwicklungszentren in Grossbritannien, Indien oder China, und ich konnte deren Existenz oder Erfahrungen nicht als Argument für die Eröffnung eines Entwicklungszentrums im winzigen Serbien anführen», sagt Dresevic. «Aber dann gab es ein Entwicklungszentrum in Israel, das von einem ehemaligen Microsoft-Vizepräsidenten israelischer Herkunft gegründet worden war, und hier fand ich tatsächlich Ähnlichkeiten mit Serbien – sowohl was die Grösse des Landes, die Stärke der lokalen Tech-Talente als auch die unternehmerische Kultur des Landes betraf.»

«Die grösste Herausforderung, noch bevor es losging, bestand darin, die Geschäftsleitung bei Microsoft (die Ebenen über Kurt) davon zu überzeugen, dass es sinnvoll ist, einen Entwicklungsstandort in einem so kleinen Land wie Serbien zu haben», erinnert sich Dresevic. «Viele Entscheidungsträger waren fest davon überzeugt, dass die Eröffnung weiterer Entwicklungszentren mit Arbeitsplatzverlusten in den USA gleichzusetzen sei.» Ebenso würde, so die Sorge, die fehlende Möglichkeit, spontan «an der Kaffeemaschine» in Redmond Brainstorming zu betreiben, zu Effizienzverlusten führen.

«Um diese Einwände zu überwinden, führte ich viele Gespräche, um die Stärke der lokalen Talente in Serbien überzeugend darzulegen», sagt Dresevic. «Schliesslich bekam ich die Finanzierung für ein Jahr, um insgesamt sieben Ingenieure für zwei Projekte einzustellen.» Der Betrieb begann mit zwei Produkten rund um den Tablet-PC: der Handschrifterkennung für mathematische Gleichungen und einem neuen Ansatz für die Handschrifterkennung in verschiedenen Sprachen.

<strong>Vorbild für Tech-Firmen</strong>

Das Microsoft Development Center Serbia (MDCS) hat sich enorm etabliert. Mittlerweile entwickeln dort über 800 Mitarbeitende Microsoft-Produkte. Der Standort gilt als Kompetenzzentrum (Center of Excellence) für Machine-Learning und Big Data. Gemäss dem Unternehmen liegen die Schwerpunkte bei Technologien für die hauseigene Azure-Cloud, bei KI-Integrationen in Word und Copilot, bei Machine-Learning- und Computer-Vision-Lösungen für intelligente Meetingzusammenfassungen und Videofunktionen in Microsoft 365 sowie bei Mixed-Reality-Technologien für Microsoft Mesh und die Physik-Engine Havok. Im vergangenen Jahr wurde zudem «Microsoft Garage Serbia» eröffnet, ein Innovationshub für Prototypen und Hackathons. Es ist die zweite Garage-Niederlassung in Europa. Nach dem Pionierschritt Microsofts zogen zahlreiche internationale Tech-Unternehmen nach Serbien: Neben Intel und Dell (beide Computerhardware) auch Huawei (Mobilkommunikation, China), Kaspersky (IT-Sicherheit, Russland) und, zusammen mit weiteren, Ubisoft (Gaming). Die IT-Branche ist inzwischen gross und ausdifferenziert. Über 4100 IT-Unternehmen und mehr als 48 000 Entwicklerinnen und Entwickler sind in Serbien laut Branchenverband des Landes aktiv. Die IT-Dienstleistungsexporte sind von unter 500 Millionen Euro Anfang der 2010er-Jahre auf über 3,5 Milliarden Euro jährlich gestiegen.

«Zu Beginn des dritten Betriebsjahres gab es bei MDCS einen wichtigen Neuzugang», erinnert sich Dresevic. «Ein weiterer Microsoft-Redmond-Veteran, Dragan Tomic, den ich schon seit seinen ersten Tagen bei Microsoft kenne, wurde auf unseren Erfolg aufmerksam und beschloss, nach Serbien zurückzukehren und sich MDCS anzuschliessen.» Offensichtlich trugen die Erfolge, die MDCS in den ersten beiden Betriebsjahren vorweisen konnte, entscheidend dazu bei, die weitere Expansion von MDCS und die Ausweitung der Finanzierung zu rechtfertigen.

Spät erfüllter Berufswunsch

Springen wir in die Gegenwart, etwa zwanzig Jahre später, zwei Gebäude und zwei Direktoren weiter: MDCS belegt den gesamten zweiten Turm der Belgrader Twin Towers, des Wahr-zeichens der Stadt, das am Zusammenfluss von Save und Donau liegt. Dort sind inzwischen fast 800 Ingenieurinnen und Ingenieure als Mitarbeitende beschäftigt.

Die Tatsache, dass Serbien dieses schnell wachsende fünfte Entwicklungszentrum ausserhalb der USA hatte, blieb nicht unbemerkt. «Ich wurde wiederholt gefragt, wie ich es geschafft habe, Redmond davon zu überzeugen, den Entwicklungsbetrieb im winzigen Serbien zu starten», sagt Dresevic. Nach dem Erfolg von MDCS hat sich die allgemeine Einstellung zur Fernentwicklung in Redmond erheblich gewandelt, der Wert dieses Modells wurde weithin anerkannt, und heute unterhält Microsoft eine Reihe von Entwicklungszentren in verschiedenen Ländern rund um den Globus.

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Als Dresevic 2009 nach vier Jahren an der Spitze von MDCS in die USA zurückkehrte, übernahm Dragan Tomic die Leitung von MDCS. Er führte das Zentrum bis 2023 und baute es auf seine heutige beträchtliche Grösse aus. Dresevic selber schied Anfang 2021 als Senior Partner bei Microsoft aus und hatte «endlich», wie er sagt, die Gelegenheit, sich als Immobilienentwickler zu versuchen. Seit Sommer 2023 leitet Dražen Šumic den Standort.

*Anlässlich des 110-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Serbien veröffentlichte die zur Ringier AG gehörende führende Schweizer Wirtschaftszeitung „Handelszeitung“ eine zwölfsseitige Sonderbeilage mit dem Titel „Standort Serbien“. Die Publikation versammelt relevante Gesprächspartner aus Serbien und der Schweiz und bietet einen Überblick über die wachsende wirtschaftliche Partnerschaft zwischen den beiden Ländern.

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