Zu Besuch in der Provinz Vojvodina, im Norden Belgrads.
Die Weltausstellung 2027 findet vorwiegend während der Sommermonate statt. Grund genug also, sich nach dem Expo-Besuch auch ein paar Ferientage in Serbien zu gönnen. Das Ausstellungsgelände liegt südwestlich des Belgrader Stadtzentrums, unweit des Flughafens Nikola Tesla. Unsere Reise geht jedoch in die nördliche Richtung: in die Vojvodina, ein herrliches, bei uns kaum bekanntes Ausflugsgebiet. Nach weniger als anderthalb Stunden Fahrt erreicht man ruhige Dörfer, kleine Städtchen, Naturgebiete und Wanderwege. Die autonome Provinz Vojvodina wird von den Nachbarländern Bosnien und Herzegowina, Kroatien, Ungarn und Rumänien quasi umarmt. Dementsprechend leben hier, neben den Serben, verschiedenste Volksgruppen – Minderheiten wie unter anderem Slowaken, Roma, Deutsche, Tschechen und Bulgaren.
Beliebter serbischer Riesling
Einen ersten Stopp könnte man im Weingut Vinarija Komuna machen. Es liegt etwas unscheinbar in einem grossen Ackerland mit Plantagen, rund 75 Kilometer nordwestlich von Belgrad. Das Gut ist bekannt für aromatische und handwerklich produzierte Weissweine, wie Chardonnay, Sauvignon blanc oder Muskat. Aus dem Angebot sticht aber vor allem der Riesling Rajnski heraus, er wird aus der lokalen Kopjar-Traube hergestellt. Einwanderer aus Russland hatten das alte Weingut einst übernommen, die zweihundert Jahre alte Wassermühle renoviert und einen Weinkeller gebaut. Später halfen deren Kinder mit, und heute finden Tagesbesucher hier eine gemütliche Atmosphäre, ein breites Weinangebot sowie traditionelle Verpflegung – zum Beispiel das heimische Gulasch, welches in grosszügigen Portionen aufgetischt wird.
Universitätsstadt mit Habsburger Blut
Knapp zwanzig Kilometer nordwestlich des Weinguts befindet sich Fruška Gora. Der älteste Nationalpark Serbiens wurde 1960 gegründet und liegt an der Donau. Die Region gilt mit Blick in die Vergangenheit als das Juwel Serbiens: In den Hügeln dieser Gegend befanden sich einst 35 orthodoxe Klöster aus dem 15. bis 18. Jahrhundert. Knapp die Hälfte davon ist heute noch erhalten; bekannt sind vor allem Krušedol und Vrdnik. Der Park ist fast vollständig bewaldet und bietet Lebensraum für Flora und Fauna und ebenso für gefährdete Tierarten wie den Östlichen Kaiseradler. Zudem gibt es im Park zahlreiche Wander- und Radwege, auch wenn diese vielleicht nicht so perfekt ausgebaut sind wie in der Schweiz. Aber gesunde Luft ist vorhanden und gute Erholung alleweil möglich. Wer eine Pause braucht, den erwarten neben dem oben erwähnten Vinarija Komuna rund sechzig weitere familiengeführte Weingüter. Und sollte jemand die Berge vermissen: Man kann den immerhin 539 Meter hohen Crveni Cot besteigen; es ist der höchste Gipfel des Mittelgebirges Fruška Gora. Nördlich der Donau liegt die zweitgrösste Stadt Serbiens, Novi Sad, die auch einen Kurzbesuch wert ist. Eindrücklich ist hier vor allem die Festung Petrovaradin aus dem 17. Jahrhundert: Sie steht am Flussufer und ist für ihren markanten Uhrturm bekannt.
Die habsburgische Geschichte von Novi Sad spiegelt sich in der Architektur wider. Die ehemalige europäische Kulturhauptstadt pflegt eine entspannte Lebensart mit einem pulsierenden Studentenleben und dient überdies als Ausgangspunkt für eine Visite in Carska Bara, einem weiteren Naturschutzgebiet. Dieses Reservat, auch «Kaisersumpf» genannt, ist Heimat seltener und geschützter Pflanzenarten sowie Heimbasis oder Zwischenstopp für über 240 Vogelarten, die Hälfte davon Zugvögel.
Kein Geheimtipp mehr ist dort das traditionelle Restaurant Salaš kod Stare Dunje, mitten in der Natur, nahe des Dorfes Stajicevo. Der Name bedeutet auf Deutsch «altes Quittenbauernhaus », in Anlehnung an den hiesigen grossen Quittenhain. Hier zeigt man traditionelle Trachten, spielt lokale Tamburica-Musik und bereitet regionale Fleischgerichte zu, oft mit der ungarischen Schweinerasse Mangalica. Die dazu passenden Weine gibt es im Überangebot. Auf dem Weg zurück in die Hauptstadt kann man noch die kleine, adrette Stadt Sremski Karlovci besuchen; sie kann leicht zu Fuss erkundet werden. Sehenswert sind die orthodoxe Kathedrale, die Denkmäler auf dem Marktplatz, das Karlovci-Gymnasium sowie die ehemalige Residenz der serbischen Patriarchen aus der Habsburgerzeit. Der monumentale Palast aus dem 19. Jahrhundert gilt als einer der prachtvollsten Sakralbauten Serbiens.
Der Aussichtspunkt Vidikovac bietet einen Panoramablick über die ganze Region – und auch hier laden wieder unzählige sympathische Weinstuben zur Einkehr ein. Das Städtchen wird auch als «serbisches Weimar» bezeichnet. Es zog einst viele einflussreiche serbische Dichter an, die man in der Schweiz etwas weniger kennt: Vuk Stefanovic Karadžic beispielsweise (1787– 1864), auch Branko Radicevic (1824–1853) und Jovan Jovanovic Zmaj aus der gleichen Epoche. All die oben genannten Reiseziele können von Belgrad aus innerhalb eines Tages erkundigt werden – oder man fährt für ein paar Nächte nach Novi Sad, schlägt dort sein Quartier auf und erkundet dann die Region mit kürzeren Ausflügen.
Bierliebhaber reisen in den Süden Sehr viel Wein also überall, meist nördlich der Hauptstadt. Falls aber jemand Lust auf ein Bier hat, dann empfiehlt sich eine Reise in den Süden von Belgrad. In Nemenikuce, eine Fahrstunde entfernt, befindet sich die Kabinet Brewery, die erste Craft-Beer-Brauerei Serbiens. Man sieht sich da stolz als Pionier der handwerklichen Bierkultur in Osteuropa und definiert sich – das klingt auch im Namen an – als «Kabinett der Kuriositäten». Damit will die Betreiberfamilie Melentijevic auf ihre Vielfalt experimenteller und aromatischer Biersorten hinweisen.
www.serbia.travel/de
www.visitbelgrade.eu
www.vojvodina.travel/en
*Anlässlich des 110-jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen der Schweiz und Serbien veröffentlichte die zur Ringier AG gehörende führende Schweizer Wirtschaftszeitung „Handelszeitung“ eine zwölfsseitige Sonderbeilage mit dem Titel „Standort Serbien“. Die Publikation versammelt relevante Gesprächspartner aus Serbien und der Schweiz und bietet einen Überblick über die wachsende wirtschaftliche Partnerschaft zwischen den beiden Ländern.